Uni-Chaos

09.03.2016 20:14

 

Die Masterkurse an der Fakultät für Ingenieurwesen haben schon begonnen, aber wir mussten natürlich noch ein paar weitere Kurse belegen. Mit unseren neuen Mitbewohnern fuhren wir zur Uni, um uns nach Sprachkursen zu erkundigen. Leider trafen wir nur einen sehr jungen Mitarbeiter im Sprachbüro, der leider keine Ahnung hatte. Aber er gab uns die E-Mail-Adresse der Verantwortlichen für die Spanischkurse, sie war an dem Tag leider nicht im Büro.

Caro und ich fragten auch nach unseren Sprachzertifikaten vom letzten Semester. Eigentlich hieß es, dass wir eine E-Mail erhalten, wenn wir die Zertifikate abholen können. Da wir aber nach 3 Monaten keine solche Mail erhalten haben, erkundigten wir uns nun mal danach. Damit überforderten wir den jungen Mitarbeiter aber ganz schön. Erst wusste er wieder nicht, was wir da eigentlich von ihm wollten. Er fragte im Büro nach und kam mit einer Mappe voller Zertifikate wieder. Leider waren diese vom Semester davor. Als er dann mit der richtigen Mappe kam, fand sich nur Caros Zertifikat darin, ihr Name war aber falsch geschrieben. Da löste nun endlich mal die Sekretärin den überforderten Mitarbeiter ab. Sie eklärte uns, dass sie Caros Namen anscheinend falsch abgeschrieben hat und von mir hatte sie keine Reisepassnummer (die, die wir immer überall angeben müssen, auch beim Einstufungstest und bei der Anmeldung zu den Sprachkursen) und konnte mir deswegen kein Zertifikat ausstellen. Mit den korrigierten und ergänzten Daten wollte sie uns neue ausdrucken, die wir am nächten Tag abholen konnten.

Kristin wollte danach noch einmal schnell zur Fachschaft Geografie, um dort nach Kursen zu fragen, die sie für ihr Auslandssemester belegen konnte. Wir wurden wieder von einem zum nächsten geschoben, aber letztendlich kam heraus, dass die Verantwortliche dafür heute leider nicht an der Uni war... aber immerhin kümmern sich immer alle sehr lieb um einen, man erreicht nur leider nie das, was man sich vorgenommen hat und muss immer ein weiteres Mal kommen. Kristin bekam auch eine E-Mail-Adresse und so gingen wir heim, ohne etwas erreicht zu haben.

Am Nachmittag kam Fede zum Deutschlernen vorbei. Während wir durch Patagonien gereist sind, hat Fede in einem vierwöchigen Intensivkurs fleißig Deutsch gelernt und würde am nächsten Tag seine A1-Prüfung ablegen. Er briet uns Chapatis, ein in der Pfanne zubereiteter Brotfladen aus Mehl, Wasser, Salz und Öl. Zusammen mit Dulce de leche und einem Mate dazu schmeckte das sehr lecker.

Am nächsten Morgen fuhren wir alle gemeinsam nach Luján. Nadine belegt dort Weinanbau und Önologie. Caro und ich wollten Emilio aufsuchen, den Verantwortlichen des Exkursionsmoduls, welches wir im letzten September belegt hatten. Dieser freute sich sehr, uns wieder zusehen. Leider gibt es dieses Semester keine Masterkurse. Der Master läuft 1,5 Jahre und war nun gerade ausgelaufen. Der neue Masterkurs beginnt dann erst wieder im nächsten Semester. Also konnten wir da keine Kurse belegen. Wir fragten Emilio, ob es noch andere Kurse gibt, die etwas mit Wasser zu tun hatten und er brachte uns zum Professor für Topologie. In dem Fach geht es um die Ausrichtung und Vermessung von Ackerflächen...so richtig konnten wir uns darunter nichts vorstellen. Auf dem Heimweg fiel uns aber ein, dass wir damals beim Ausfüllen unseres Learning Agreements (in dem wir angeben müssen, welche Kurse wir in unserem Auslandssemester belegen) auch Hydrologie eingetragen haben. Daheim recherchierten wir gleich und fanden dann auch ein Fach Agrarhydrologie. Der Verantwortliche dafür ist Emilio... was ist denn naheliegender an Wasser als Hydrologie... das hätte ihm doch auch in den Sinn kommen müssen, dass wir da am besten aufgehoben sind. Also schrieben wir wieder Mails und besuchen ab sofort Agrarhydrologie. In dem Fach geht es um Durchflussberechnungen auf Feldern, um Berechnungen der Anzahl an Bewässerungstagen und Bewässerungsmengen, Berechnungen von Systemen für Sprenkler- und Tröpfchenbewässerung und Pumpenleistungen. Und dazu jede Menge Theorie. In den ersten fünf Semesterwochen mussten wir nun zweimal pro Woche nach Luján, um dort 5 Stunden lang der Vorlesung zu lauschen. Daran können wir uns immer noch nicht gewöhnen, unsere Konzentration ist einfach nicht so ausdauernd. Aber es gibt ja Anwesenheitspflicht und obwohl wir nicht mit auf der Liste stehen, fällt es den Profes doch auf, wenn wir mal fehlen.

Am Abend stand ein Asado an. Unsere Vermieter meinten, wir können im Patio grillen und da Enzo eine große Parilla (einen Grillrost) mitbrachte, konnten wir unseren ersten Asado bei uns im Patio veranstalten. Caro kaufte Holz und wir anderen fuhren zum Einkaufen in den Jumbo. Fleisch brachte Enzo mit und bereitete uns einen sehr leckeren Asado zu. Diesmal gab es auch Grillgemüse, ein paar Auberginen und Zwiebeln wurden ins Feuer gelegt und danach mit Olivenöl und Gewürzen eine leckere Paste daraus zubereitet. Fede brachte zwei französische Austauschstudentinnen mit, Enzo seinen Bruder und wir hatten auch Alejo eingeladen. Das war mal wieder ein sehr schöner Abend bei uns im Patio mit viel Wein, Fleisch, Gitarre und argentinischen Liedern.

Am nächsten Morgen fuhren wir wieder zum Hauptcampus, um unsere Sprachzertifikate abzuholen. Abends hatte Alejo uns ins Antares, eine Bar in der Barstraße eingeladen und wir trafen eine ganze Menge Austauschstudenten. Vor allem aus Frankreich. Und die erfüllen überhaupt nicht unsere Vorstellungen von Franzosen. Alle waren total abgedreht, laut und ein bisschen nervig. Aber es war trotzdem ein lustiger Abend. Als wir heimkamen, mussten wir feststellen, dass es in dem Zimmer, in dem Kristin schlief, reinregnete. Die letzten Tage hatte es viel geregnet und nun war scheinbar das Dach durchgeweicht. Kristin zog kurzerhand zu Caro auf den Boden um. Der Vermieter wollte gleich am nächsten Tag vorbeikommen und das Dach verbessern. Mit einer abenteuerlichen Leiterkonstruktion auf unserer Mauer im Patio (siehe Galerie) schleppte er allerhand Werkzeug und eine neue Plane auf das Dach, die er dort verbaute. Es scheint zu wirken, denn bis jetzt ist das Zimmer trocken geblieben.

Caro und ich mussten an dem Morgen zeitig raus, da wir dem Topologieprofessor noch Bescheid sagen wollten, dass wir nicht mehr seinen Kurs belegen, sondern Agrarhydrologie. Gleich im ersten Kurs lernten wir Javier kennen, er sprach uns direkt auf Deutsch an, da er uns schonmal beim Stammtisch gesehen hatte. Wir mussten da an unseren ersten Viticultura-Kurs denken, als uns Andrea direkt auf Deutsch angesprochen hatte. Auch er half uns durch die erste Übung, ohne ihn hätten wir erstmal nix verstanden, zu viele Fachbegriffe und Formeln prasselten auf uns ein. Außerdem stand recht bald die erste Zwischenprüfung an, insgesamt müssen wir vier solcher "parciales" bestehen, um an dem Endexamen teilnehmen zu können. Und wir wollten dieses Semester fleißiger als letztes sein, damit wir ein paar Creditpoints mehr mit heimnehmen und uns im Wahlpflichtbereich an der TU Dresden anrechnen lassen können.

Ich konnte unserer ersten Hydrologiestunde aber nicht so wirklich folgen, denn Sami war zu der Zeit bereits auf dem Weg nach Mendoza, um mich dort für die nächsten drei Wochen zu besuchen. Am nächsten Tag fuhr ich zum Flughafen, um ihn dort abzuholen. Nur kam ich leider nicht zur Tür heraus. Wie wir ja schonmal beschrieben haben, ist vor jeder Haustür zur Sicherheit noch eine Gittertür. Und die ließ sich plötzlich nicht mehr aufschließen. Aber ich musste doch zum Flughafen! Durch die Fenster kommt man ja auch nicht, die sind von außen ebenfalls vergittert. Ich schrieb dem Vermieter und glücklicherweise hatte er wohl Zeit und kam nach 10 Minuten mit dem Schlosser vorbei, der mit dem Schlüssel und einem Dietrich das Gitter glücklicherweiße öffnen konnte und ich sauste mit dem Bus zum Flughafen und kam noch rechtzeitig an, um Sami zu begrüßen :)

So hatte ich für die nächsten drei Wochen einiges geplant, um Sami Mendoza zu zeigen. Wir besuchten die Aussichtsterasse auf dem Rathaus und die heißen Thermen in Cacheuta. Einen Nachmittag unternahmen wir einen Fahrradausflug zu den Bodegas. Direkt an der Endhaltestation der Straßenbahn konnte man sich für ca. 6 € Fahrräder ausleihen. Als erstes besuchten wir die Bodega López und konnten dort an einer kostenlosen Führung durch die Bodega teilnehmen. Da gerade die Weinernte vorbei war, war natürlich einiges los, denn die Weintrauben mussten verarbeitet werden. Die Bodega López ist eine der größten Bodegas Argentiniens, aber exportiert kaum. Wir bestaunten riesige Weinfässer und konnten zuschauen, wie die Weintrauben gereinigt und verarbeitet wurden. Überall roch es nach Wein. Die Weinflaschen werden automatisch abgefüllt, etikettiert und verpackt. Das war schon beeindruckend, wie das alles funktioniert. Im Anschluss verkosteten wir einen Sekt und einen Malbec. Da wir an der Führung teilgenommen haben, bekamen wir zusätzlich noch 15 % Rabatt, wenn wir etwas kaufen. Das ließen wir uns nicht entgehen, zumal man im Supermarkt oder in den Weinläden im Zentrum deutlich mehr bezahlt als beim Erzeuger.

Als nächstes besuchten wir die Olivenproduktion Maguay. Der Familienbetrieb besitzt einen Olivenhain und die Inhaberin erzählte uns bei einer kleinen Privatführung von der Produktion und den Problemen, mit denen sie zu kämpfen haben. Wir erfuhren, dass es wie beim Wein verschiedene Olivensorten gibt, die ziemlich unterschiedlich schmecken. Die frisch gepflückten ungenießbaren Oliven werden in Salzlaken oder pur in Salz eingelegt und verlieren dadurch ihren arg bitteren Geschmack. Im Anschluss gab es eine kleine Verkostung von vier verschiedenen Olivenölen (je nach Olivensorte, zum Teil auch gemischt (Blend)) und Oliven. Diese schmeckten alle recht unterschiedlich, manche waren etwas bitterer, andere nussiger.

Einen Nachmittag nutzten wir zum Gleitschirmfliegen. Von Juan hatte ich erfahren, dass auf dem Cerro Arco, dem Hausberg von Mendoza Flüge möglich sind. Er gab mir auch einen Kontakt und so wurden wir gegen Mittag direkt an unserem Haus abgeholt und auf den Cerro Arco gebracht. Schon die Fahrt hoch war sehr abenteuerlich. Oben bekamen wir dann quasi nur einen Helm aufgesetzt und wurden an unserem Tandempartner festgeschnürt. Der gab nur ein paar kurze Hinweise, was man beim Start beachten muss und dann rannten wir auch schon auf den Abgrund zu. Da war gar keine Zeit, nervös zu sein. Schon bevor wir die Kante erreichten, hoben wir ab. Wir drehten einige Kreise, um noch etwas höher zu steigen und dann konnten wir die atemberaubende Aussicht auf die Berge und Mendoza genießen. Wir gleiteten sehr still durch die Luft, flogen Kreise, machten Bilder und genossen die Aussicht. Ein unbeschreiblich tolles Gefühl. Zum Schluss flogen wir ein paar Spiralen und ich wusste weder, wo unten noch oben ist. Dann setzten wir auch schon zur Landung an. Wir sammelten unsere Sachen wieder ein, die wir im Auto lassen konnten und wurden wieder heimgefahren.

Am Karfreitag war die Stadt wie ausgestorben, man sah so gut wie niemanden. Wir beschlossen, zum "Cerro de la Gloria" (Berg des Ruhmes) zu laufen, welcher sich im Parque San Martín befindet. Der Plan, kleinere Pfade zu nehmen, statt an der Straße entlang zu laufen, ging nicht auf. Man kam einfach nirgends durch und stand immer vor einem Zaun. Letztendlich kamen wir fast an der Uni heraus und liefen dann doch die stark befahrene Straße zum Zoo. Erholung gibt es im Park zwar, aber ohne Autos geht es dann doch nicht. Als wir am Fuß des Cerro de la Gloria ankamen, war die Hölle los. Im dortigen Zoo stapelten sich Familien und der Berg bzw. Hügel war auch gut bevölkert. Wir brauchten zehn Minuten, um nach oben zu laufen und waren auf die Art schneller, als die endlose Reihe an Autos, die sich die Straße hinauf aufstauten. Oben auf dem Parkplatz wurden ganze Reisebusse ausgeschüttet. Die Menge an Menschen war schon ein krasser Kontrast zur menschenleeren Stadt. Auf dem Hügel war ein großes Denkmal des hier sehr veehrten San Martín, der berühmteste südamerikanische Unabhängigkeitskämpfer.

Am Wochenende besuchten wir mit Enzo ein Festival in Godoy Cruz, es wurde eine Mischung aus traditioneller Musik und Rock gespielt. An einem Grillstand probierten wir Ziege vom Grill, eine Spezialität aus San Rafael, sehr lecker. Natürlich gab es auch ein paar Asados bei uns mit Fede, Enzo und seinem Bruder.

Dann wurden auch schon wieder Rucksäcke gepackt und Sami und ich fuhren nach Valparaíso in Chile. Da aufgrund der Inflation die Preise allgemein sehr angestiegen sind und unsere Stammfirma Andesmar nun doppelt so viel verlangte, wie vorher, fuhren wir diesmal mit der Firma Cata. Die Fahrt glich einer Omakaffeefahrt. Der Bus war nicht sehr voll und die meisten Reisenden waren höheren Alters. Der etwas jüngere Busbegleiter schäkerte mit ihnen und wir hielten sogar kurz bei den Caracoles (den Serpentinen), damit wir Fotos machen können. Aussteigen durften wir aber nicht. In Valparaíso wohnten wir in einem kleinen süßen Hotel mit Blick auf die Stadt und das Meer. Wir machten eine Hafenrundfahrt und bummelten durch die bunten Gassen. Am Strand beobachteten wir Mähnenlöwen und Pelikane. Baden konnten wir leider nicht, da die Wellen zu hoch waren. Wir blieben dort drei Nächte und am letzten Abend aßen wir eine leckere Paella (mit Meeresfrüchten und Hähnchen. Dazu gab es einen sehr leckeren chilenischen Wein. Das schöne hier ist, dass man zum Essen eine Flasche Wein bestellen kann, ohne sehr viel mehr als im Supermarkt zu bezahlen. In Deutschland bezahlt man da immer ein Vermögen, das werde ich sehr vermissen). Das Restaurant hatte eine Dachterasse und so tranken wir zum Abschluss noch einen Cocktail mit einem wunderschönen Blick auf die beleuchteten Hügel von Valparaíso und auf's Meer. Leider verwechselte ich im dämmrigen Licht das Stück Ingwer an meinem Cocktail mit einem Stück Ananas, das war dann ein bisschen schärfer als erwartet.

Am nächsten Morgen ging es dann weiter nach Santiago. Halbstündlich fahren von Valparaíso Busse nach Santiago. Da Sami von Santiago wieder zurück nach Deutschland fliegt, wohnten wir ganz in der Nähe vom Flughafen. Am Nachmittag besuchten wir das Costanera-Center und wollten vom höchsten Hochhaus Südamerikas den Blick auf Santiago und die Berge genießen...es war nur leider sehr diesig und bewölkt. Wir fuhren trotzdem hoch und hatten zwar eine beschränkte, aber doch interessante Sicht. Das Hochhaus schwankte leicht im Wind und mal wieder hatte ich das erhöhte Erdbebenrisiko im Hinterkopf...

Wir erkundeten noch ein wenig die Stadt, natürlich ging es auch auf unseren geliebten Handwerkermarkt. Dann wurden auch schon wieder die Rucksäcke gepackt und wir gingen zeitig ins Bett. Am nächsten Morgen mussten wir früh raus. Das praktische an dem Hotel war, dass es ab um vier Uhr morgens Frühstück gab sowie einen kostenlosen Shuttle zum Flughafen. Da durfte ich auch mitfahren, um Sami am Flughafen zu verabschieden. Dann fuhr ich alleine wieder zurück nach Mendoza. An der Grenze stand ich diesmal drei Stunden lang an, die Langsamkeit der Grenzbeamten war sehr nervenaufreibend. Eine Mitreisende aus unserem Bus verpasste den ganzen Einreiseprozess, weil sie alleine im Bus gewartet hat und musste dann nochmal extra zum Stempeln. Meine vollgepackten Rucksäcke wurden gar nicht weiter untersucht und irgendwann fuhren wir weiter und kamen abends in Mendoza an.