18.02.2016 - Von Puerto Natales nahmen wir den Bus um 8:30 Uhr und fuhren zurück nach Argentinien nach El Chaltén. Im Bus trafen wir Marisa, eine deutsche Austauschstudentin, die für ein Semester an Lisas Sprachkurs teilnahm. Das war ein sehr netter Zufall. Sie war auf dem Weg nach El Calafate, weil sie dort einen Flieger nach Buenos Aires nahm und im Anschluss nach Deutschland flog. Wir waren hin- und hergerissen. Einerseits würden wir gern wieder nach Deutschland fliegen, andererseits wollen wir noch einige tolle Abenteuer hier erleben. Auf dem Weg zur Grenze nach Argentinien aßen wir umsonst all unsere Reste an Trockenobst auf, denn wir wurden nicht kontrolliert (es war verboten, Obst mit über die Grenze zu nehmen). Wir holten nur unsere neuen Einreisestempel ab. An der Grenzstation hingen überall Schilder von den Islas Malvinas (eigentlich die britischen Falklandinseln), denn Argentinien beharrt bis heute darauf, dass die Islas Malvinas argentinisch sind. Diese Schilder sind gerade in Patagonien sehr verbreitet. In El Calafate stiegen wir in den Bus nach El Chaltén um. Wir hatten dort noch zwei Stunden Aufenthalt, den wir in einem Restaurant mit einer heißen Schokolade verbrachten (hier als Submarino bezeichnet). Das Busbahnhofsrestaurant war nicht sehr gefüllt und neben uns gab es nur einen weiteren Gast. Ein sehr unattraktiver alter Herr im Poncho, mit fettigen Haaren und einigen wenigen gelben Zähnen, welcher plötzlich an unserem Tisch stand. Dieser flüsterte Lisa ins Ohr, dass sie mich dort sitzen lassen soll und die beiden gemeinsam durchbrennen und Liebe machen könnten. Lisa lehnte freundlich ab. So ging es für uns weiter nach El Chaltén, wo wir gegen 19 Uhr ankamen.
El Chaltén ist ein weiterer sehr bekannter Touristenort, denn es ist der Ausgangspunkt für Wandertouren zu den Bergmassiven Fitz Roy und Cerro Torre. So bekamen wir bei der Anreise schon einen atemberaubenden Blick auf die Felsmassive, die vor uns im Sonnenuntergang auftauchten. Ein wunderschöner Eindruck, den wir leider nicht in einem Foto festhalten konnten, denn wir hatten vorn im Bus Werbung an der Scheibe. In El Chaltén angekommen, war es bereits zu dunkel, um Fotos zu machen. Aber wir planten hier ja ein paar Tage ein und kämen schon noch einmal in die Gelegenheit, tolle Bilder zu machen... so dachten wir. Das Fitz Roy-Massiv ist bekannt dafür, dass es dauerhaft in Wolken steht und eine klare Sicht der Bergmassive sehr selten ist. Das Wetter in Patagonien ist allgemein unberechenbar und innerhalb weniger Stunden sehr wechselhaft.
Der erste Weg führte uns ins Infocenter im Terminal von El Chaltén. Gloria (unsere Hostelmutti aus Puerto Natales) gab uns mit auf den Weg, dass wir in El Chaltén nach Florencia fragen sollen- sie hat ein Haus für Fahrradfahrer (casa de ciclistas) und bei ihr könnten wir sicher im Garten zelten. Mehr Informationen hatten wir nicht. So kamen wir uns schon ein bisschen komisch vor, im Infocenter nach Florencia zu fragen. Es wird schließlich nicht nur eine Florencia in dem Dorf leben. Nachdem uns die Dame in der Info weiterhin fragend anschaute, erwähnten wir noch, dass sie ein Haus für Fahrradfahrer haben soll (wir konnten uns darunter noch nicht sehr viel vorstellen). Mit dieser Zusatzinformation bekamen wir aber unser gewünschtes Kreuz auf der Karte. Zudem holten sich andere Touristen die Wetterinformationen der nächsten Tage ab, denn das Dorf ist praktisch vom Internet abgeschottet (weder unsere mobilen Daten noch das WLAN funktionierten ausreichend gut). Die Informationsdame versprach nichts Gutes. Wir kamen an einem Donnerstagabend an und die Wetterprognose hörte sich in etwa so an: morgen wird das Wetter schlecht und es gibt sehr viel Wind, aber am Samstag wird es noch schlechter sein und am schlechtesten ist das Wetter am Sonntag... na das waren ja tolle Aussichten, dachten wir, denn wir planten, bis Sonntag in El Chaltén zu bleiben. Aber wir wollten erst einmal ankommen und uns noch keine Gedanken über das Wetter machen.
Das Dorf war nicht sehr groß, aber wir liefen einmal komplett durch, um zum Haus von Florencia zu gelangen. Sie begrüßte uns herzlich und da wir von Gloria geschickt wurden, hatte sie natürlich auch einen Zeltplatz für uns in ihrem Minigarten, auch wenn wir ohne Fahrrad kamen. Jetzt verstanden wir auch den Namen des Hauses, denn im Garten waren bestimmt schon fünf Zelte aufgebaut und alle Gäste reisten mit ihren Fahrrädern durch Patagonien. Sie tauschten sich über gemeinsame Reiseerfahrungen mit dem Rad aus, v.a. wie sie regelmäßig dem Wetter Patagoniens trotzen müssen. Sie fragten uns direkt, wo unsere Fahrräder seien und wollten unsere Reiseberichte hören. Aber als wir meinten, dass wir mit dem Bus reisen, kamen keine weiteren Fragen mehr. Wir fanden noch einen Platz für unser Zelt. Dann verteilte Florencia Einkäufe unter den Gäste und fragte uns, ob wir auch am gemeinsamen Abendessen teilnehmen möchten. Das bejahten wir natürlich und wurden daraufhin zum Gemüseeinkauf in das Dorf geschickt. Wir kauften Paprika, Möhren, Gurken, zucchiniähnliches Gemüse und Zwiebeln. Von jedem etwas, weil wir die Mengen für die Personen absolut nicht einschätzen konnten. Das Gemüse legten wir in der völlig überfüllten kleinen Küche ab. Im Haus sahen wir, dass hier noch mehr Leute in dem gerade im Aufbau befindlichen Haus unterkamen. Das waren einfach wieder zu viele Leute für so ein kleines Haus. So kannten wir es ja bereits von Glorias Hostel. Die Küche war gerade von einer anderen Kochgruppe besetzt, sodass wir noch warten mussten. Da es mittlerweile schon sehr spät war, wollten wir auf das Essen verzichten und uns bettfertig machen. Als wir noch einmal zurück zum Haus gingen, um dort im Bad Zähne zu putzen, standen alle mit Essen da und wir könnten essen kommen. Wir hatten keine Ahnung, wann sie das so schnell gekocht hatten, aber es gab Gemüse mit Linsen und Reis und wir gingen doch nicht hungrig ins Bett.
Wir richteten uns im Zelt ein und mir fiel schlagartig auf, dass ich meine Kamera im Bus vergessen habe. Ich brauchte nicht einmal mehr suchen, denn ich war mir zu 100 % sicher. Als wir mit dem Bus von Puerto Natales nach El Calafate fuhren, steckte ich meine Kamera in die Tasche am Vordersitz, sodass ich immer fotobereit war. Beim Zusammenpacken meiner Sachen klappte ich meine Fußstütze nach oben, um an meinen Rucksack zu kommen. Hinter der Fußstütze verschwand aber meine Kamera, die ja noch immer in der Tasche war. Da half es auch nicht, dass wir uns beim Austeigen noch einmal umdrehten und unter den Sitz schauten, um uns zu vergewissern, dass wir auch nichts vergessen haben. Das war ein herber Verlust, den wir erst einmal realisieren mussten. Mit dem Gedanken, dass ich meine neue Kamera verloren habe, die ich für 150 € in Bolivien kaufte, weil meine alte kaputtging, konnte ich mich recht schnell abfinden. Aber mit dem Wissen, dass alle Fotos meiner Kamera der bisherigen Patagonienreise nun weg sind, konnten wir uns nicht so schnell abfinden. So etwas passiert immer in den Momenten, in denen man keine Sicherung der Fotos gemacht hat. Während unserer gesamten Reise haben wir regelmäßig die Bilder zur Sicherung auf Lisas Tablet überspielt und auch bei Gloria in Puerto Natales hatten wir die Chance, die Fotos zu sichern, dann hätten wir keinen Fotoverlust gehabt. Aber wir waren in Glorias Haus dauerhaft abgelenkt und haben einfach vergessen, sie zu sichern, obwohl wir beide daran gedacht hatten. So waren sie also weg, aber wir wollten die Hoffnung noch nicht gänzlich aufgeben.
19.02.2016 - An diesem Tag gönnten wir uns wieder ein bisschen mehr Schlaf, denn das Wetter war ja eh schlecht. Wir gingen zum Terminal und fragten nach der Nummer vom Busunternehmen Cootra in El Calafate. Das waren unsere letzten Hoffnungsschimmer, die Kamera wieder zu finden. Lisa rief daraufhin in dem Büro an, aber die Frau gab an, dass keine Kamera abgegeben wurde. Sie wollte jedoch den Busfahrer noch fragen, der gerade wieder in Puerto Natales war, weshalb wir zum Nachmittag erneut anrufen sollten. Nach dem Anruf waren wir auf Internetsuche und fanden ein kleines Cafe, in dem groß WIFI an der Tür stand. Das WIFI war jedoch nicht sehr vielversprechend und nur WhatsApp funktionierte. Da wir einen Plan brauchten, wie und wann wir wohin weiterreisen, schrieben wir einige unserer Freunde aus Deutschland an, die für uns Preise recherchierten. Ursprünglich wollten wir mit dem Bus weiter nach Bariloche, aber die Buspreise lagen bei 2000 arg. Pesos (umgerechnet ca. 130 €) und wir wollten nicht immer soviel Geld für unsere Busreisen ausgeben. Da kamen wir auf die Idee, nach Flügen zu suchen und schauen, was uns mehr zusagt. Wir hatten folgende Flugverbindungen zur Auswahl: El Calafate nach Mendoza, El Calafate nach Bariloche, Bariloche nach Mendoza. Aber auch die Flugpreise ließen keine günstigeren Weiterreisemöglichkeiten zu und wir beschlossen, doch mit dem Bus nach Bariloche weiterzureisen. Unsere Reisemotivation war zu dem Zeitpunkt völlig am Boden: schlechtes Wetter, die Hälfte der Bilder verloren, kein Geld mehr und kein Internet, um Alternativpläne zu schmieden. Wir fühlten uns gefangen. Da die Wetterprognosen bis zum Sonntag immer schlechter wurden, entschlossen wir uns, am nächsten Tag direkt weiterzureisen. Unser Plan war, vielleicht noch einmal zurück nach El Calafate zu fahren, um dort persönlich im Busbüro nach meiner Kamera zu fragen. Ein weiterer Anruf war abermals erfolgslos, da der Busfahrer noch nicht in El Calafate angekommen sei. So sollten wir gegen 16 Uhr ein drittes Mal anrufen.
Die letzten Nachmittagsstunden nutzten wir für einen Spaziergang. Wir wollten zwei Aussichtspunkte im Nationalpark besuchen, aber aufgrund einer mehr schlechten als rechten Karte gingen wir den falschen Weg und landeten an der Estancia La Quinta, eine Farm, die scheinbar nur noch als Nobelhotel genutzt wird. Dort hatten wir nicht wirklich eine Aussicht, aber entdeckten ein Schild in Richtung Bahia Túnel (eine Seebucht). So gingen wir diesen Weg weiter, hinauf auf einen Hügel und trotzten dem Wind, der uns in alle Richtungen drückte. Von dort hatten wir einen wunderschönen Blick über die Bucht. Gegen den Wind kämpften wir uns zurück nach El Chaltén. Diese kleine Wandertour ohne große Höhenmeter verlangte uns schon sehr viel Kraft, sodass wir noch unmotivierter waren, bei dem Sturm in die Berge zu ziehen. Wir mussten uns eingestehen, dass uns unser Reiseglück ein wenig verlassen hatte. Der dritte Anruf in dem Busbüro hat dann alle Hoffnungen zerstört. Am Telefon hatte Lisa nun eine sehr unfreundliche Mitarbeiterin, die uns sagte, dass der Busfahrer keine Kamera gefunden hat und fertig. Die Ehrlichkeit, was Fundsachen angeht, ist hier nicht sehr groß. Noch dazu sind Elektroartikel in Argentinien sehr teuer und haben daher sehr viel Wert. So gab es eigentlich von Anfang an keine Hoffnungen mehr.
Nun brauchten wir irgendetwas, dass uns wieder aufbaute. Da standen wir in El Chaltén plötzlich vor einem Spa und gönnten uns direkt einen zweistündigen Saunaaufenthalt. Hier konnten wir unseren ganzen Frust in Entspannung verwandeln und fanden uns damit ab, dass man auch Pech beim Reisen haben kann. Wir sammelten wieder Motivation und konnten schon wieder über die blöden Umstände lachen. Wir waren die einzigen Gästen und wurden supergut umsorgt und bekamen nach jedem Saunagang Eismasken und eine volle Kanne Zitronenwasser. Gestärkt und von Grund auf gesäubert gingen wir abends zurück zum staubigen Zelt und spielten im Regen mit der kleinen Hauskatze.
20.02.2016 - An diesem Samstagmorgen planten wir nun unsere Abreise. Es hatte die ganze Nacht durchgeregnet und wir sind im Sturm aufgewacht. Unmöglich, dass man an diesem Tag in den Berge hätte wandern können. Und der Sonntag versprach noch schlechteres Wetter. Wir wollten am "Campingplatz" auschecken und unsere Nächte bezahlen, aber zu unserer Überraschung wollte Florencia überhaupt kein Geld. Sie erklärte uns die Idee des Hauses: "Teilen". Das ist zwar sehr löblich, aber für so ein Leben muss man auch geschaffen sein. Florencia lebt mit ihrem Freund in einem noch nicht fertigen Haus und teilt dieses kostenfrei mit täglich bis zu 20 Leuten. Das wäre mir persönlich dann doch etwas zu viel "Teilen". Uns kam es gelegen, denn unsere Reisekasse war schon lange erschöpft. Lisa hatte immernoch einen Funken Hoffnung, die Kamera wiederzufinden und wollte nicht weiterreisen, ohne noch einmal in El Calafate persönlich gefragt zu haben. So beschlossen wir, nach El Calafate zu trampen. Trampen ist hier sehr üblich und El Calafate nur einige Stunden entfernt. Und Busse aus El Calafate nach Bariloche würden wir von dort genauso bekommen.
So standen wir also an der Hauptstraße am Ortsausgangen und hielten unsere Daumen auf die Straße. Im strömenden Regen! Wer würde freiwillig patschnasse Leute in seinem Auto mitnehmen? Wir wollten auf den blonden Mädelsbonus setzen und ließen unsere Haare ohne Mütze und Kapuze im Regen leuchten :D Bisher waren hier ja alle immer sehr begeistert, blonde Mädels zu treffen. Nach einer Stunden im Sturm und vielen vorbeifahrenden Autos, gaben wir fast erfroren auf und kämpften uns ins Busterminal. Von den vorbeigefahrenen 20 Autos in dieser Stunde gaben uns vielleicht 18 ein Handzeichen, dass sie voll sind, nur zur Tankstelle oder in den Park fahren. Potentiell hätten sie uns aber vielleicht mitgenommen. So gaben wir auch den Plan auf, noch einmal nach El Calafate zu fahren. Busse nach Bariloche fuhren erst am Abend ab und das Busbüro hatte wegen der Siesta geschlossen. So wussten wir also immer noch nicht, ob wir Plätze im Bus nach Bariloche bekommen würden. Im Terminal aßen wir Mittag und mussten bis 17 Uhr auf die Öffnung des Busbüros warten, um zu erfahren, ob wir an diesem Tag noch nach Bariloche fahren können oder ob wir wieder einen Platz zum Zelten suchen müssen. Wir wollten unbedingt weiter. Ab 16:20 Uhr standen wir vor dem Fenster des Büros und gingen dort nicht mehr weg, denn wir wollten die Ersten sein, die Tickets kaufen würden. Dabei ignorierten wir, dass die umstehenden Leute auch darauf warteten und in den Bus wollten. Aber wenn sie keine Schlange vor dem Bürofenster bilden... selber Schuld! Wir wollten nun auch einmal egoistisch sein :D - das haben wir hier jedenfalls gelernt und standen demnach ganz vorn. Kurz vor 17 Uhr sammelten sich die Leute bereits vor dem Fenster, aber es gab immernoch keine sichtbare Schlange. Das konnten zwei andere Deutsche ausnutzen, die einfach anfingen mit uns zu quatschen und schon standen sie auch mit ganz vorn, woraufhin sich dann doch noch eine Schlange bildete ^^ Wir bekamen jedenfalls noch Plätze und waren sehr erfreut, wieder weiterzureisen. Auch wenn es mal wieder teuer war. Nach dem Ticketkauf setzten wir uns weitere Stunden in das Cafe und warteten auf unsere Abfahrt.
Fazit: auch schlechte Tage muss es geben :D Ein Foto des Fitz Roy Massivs mit dem Cerro Torre konnten wir nicht mehr bei freier Sicht erhaschen, aber die Erinnerungen an die spektakuläre Landschaft bleiben uns erhalten.
Beste Grüße,
Caro