Wir haben uns spontan entschieden, eine viertägige Treckingtour durch den Nationalpark Torres del Paine in Chile zu unternehmen. Es gab zwei verschiedene Möglichkeiten, um die berühmten Torres del Paine zu umwandern. Die kürzere und einfachere Tour nennt sich das "W" und ist in vier bis sechs Tagen machbar. Die längere und schönere Route nennt sich das "Q", beide sind benannt nach ihrer Wegführung. Obwohl wir beide sehr viel Lust auf den größeren zehntägigen Trail hatten, entschieden wir uns für das "W". Einerseits hatten wir leider nicht so viel Zeit andererseits fehlte uns auch die Ausrüstung, denn eigentlich hatten wir einen solchen Ausflug nicht geplant. Aber die Bilder und Berichte klangen sehr verlockend.
Auf dem Weg zum Terminal kamen Heerscharen an Menschen mit gepackten Rucksäcken und Zelten aus allen Winkeln und Ecken der Kleinstadt und strömten zum Terminal, wo die Busse zum Nationalpark abfuhren. Gloria erzählte uns, dass sich die Besucherzahlen im letzten Jahr verdreifacht haben. So ist auch dieses Stück wilde Natur zur Touristenhochburg geworden und wir mittendrin. Wir waren ja vorgewarnt, dass es voll werden würde.
Am Eingang zum Nationalpark wartete schon eine lange Schlange, in die wir uns auch einreihten. Wir füllten ein Formular aus, bezahlten die 18.000 Peso (ca. 23 €) Eintritt und mussten uns ein Video über die Regeln des Nationalparks anschauen. Oberste Regel ist, kein Feuer zu machen (und auch nicht rauchen, auf dem gesamten Trail). 2012 wütete hier ein heftiger Waldbrand, welcher große Flächen des Nationalparks zerstörte. Dann gibt es natürlich auch die üblichen Regeln: keinen Müll zurücklassen, keine Tiere füttern, auf dem Weg bleiben usw. Nach dem Video wollten wir uns noch Plätze auf den kostenfreien Campingplätzen reservieren, auch hier gab es eine lange Schlange. Leider hatte sie keine Plätze mehr für uns, aber wir sollten uns in Paine Grande noch einmal erkundigen. Paine Grande war unser erster Schlafplatz auf dem Trail und unser heutiges Ziel. Als wir dann auf den Rest des Busses warteten, konnten wir zum ersten Mal die Torres del Paine bestaunen, bizarre Felstürme in einer wunderschönen Landschaft. Ein Teil unserer Mitfahrer stieg hier bereits aus, um entweder den Trail anders herumzulaufen oder dort mit dem "Q" zu beginnen.
Wir fuhren weiter zur Anlegestelle des Katamarans, welcher uns zu Paine Grande bringen sollte. In der Cafeteria am Anlegesteg gönnten wir uns ein Sandwich und dann stellten wir uns an der nächsten Schlange an... wenn das so weiter geht, würden wir die für heute geplante Tour nicht mehr schaffen. In Paine Grande wollten wir eigentlich direkt unser Zelt aufbauen und einen Großteil unseres Gepäcks im Zelt zurück lassen, um mit leichten Rucksäcken zu einem Aussichtspunkt und wieder zurück zu wandern. Aber wir ahnten schon, dass nicht alle hier anstehenden Menschen auf den kleinen Katamaran passen würden. Und so war es auch, das Boot war voll und wir mussten warten, bis er ein weiteres Mal kam. Wir warteten 1,5 Stunden am Steg und beobachteten Kondore, die sehr nah über uns kreisten und gegen den Wind ankämpften. Es war nämlich sehr stürmisch. Der Wind peitschte über den eisblauen See und Wasserschwaden trieben durch die Luft.
Als wir dann nach einer tollen Bootsfahrt endlich in Paine Grande ankamen, wartete das nächste Problem auf uns. Einen Zeltplatz zu bekommen, war nicht schwer. Wir bezahlten in der Campingplatzverwaltung unseren Stellplatz und suchten dann eine schöne Stelle für unser Zelt. Aber es war unglaublich windig. Viele der Zelte auf der Wiese waren schon zusammengefallen, manche hingen nur noch an drei Heringen fest und sahen aus, als würden sie bald wegwehen. Windgeschützte Stellen gab es keine. Wir suchten ein paar Steine zusammen und versuchten, unser Zelt aufzubauen. Das war gar nicht so einfach. Erst ließ sich das Innenzelt nicht straff gegen den Boden drücken, weil dauerhaft der Wind darunter war. Die Zeltstangen wurden immer wieder umgeweht und dann flog trotz Vorsicht fast das Überzelt davon, weil es sich wie ein Drachen aufspannte und wir es kaum halten konnten, so sehr zerrte der Wind daran. Wir waren ganz froh, noch Heringe gekauft zu haben, denn wir mussten ja schon einmal feststellen, dass mit dem Zelt nur ein paar Heringe geliefert wurden. So hätte unser Zelt nie gehalten. Wir schafften es bald, das Überzelt am Unterzelt zu befestigen und dann stand unser Zelt endlich. Wir mussten nur noch die Spannschnüre spannen und dann waren wir fertig. Als wir diese herausholten, kam ein kräftiger Windstoß und pustete unser Zelt einfach um. Einfach so. Es lag platt vor uns und wir konnten noch einmal von vorne anfangen, da wir die Gestänge so nicht wieder aufrichten konnten... Na prima
Wir überlegten uns eine neue Strategie: Wir durften die Schnüre nicht als letztes spannen, sondern möglichst als erstes, dann kann der Wind das Zelt nicht umwehen. Wir suchten auch einen anderen Platz, aber an sich war dieser nicht weniger windig. Als wir wieder halb auf unserem Unterzelt lagen, um es möglichst eng am Boden spannen zu können, flog ein Zelt an uns vorbei und kurz später sprintete (wohl) der Besitzer im Affenzahn hinterher. Er musste sich beeilen, denn mit der aktuellen Windrichtung würde das Zelt direkt in den See geweht werden. Kurz später kam er mit seinem (noch trockenem) Zelt wieder zurück. Glück gehabt. Wir entwickelten derzeit eine Technik, mit der wir unser Zelt umwehsicher aufbauen konnten. Nach ganzen 1,5 Stunden (!!!) stand unser Zelt sturmsicher. Vorsichtshalber beschwerten wir die Heringe noch mit Ziegelsteinen, die dort überall bereitlagen. Nun waren wir wirklich sehr glücklich, uns ein besseres Zelt geleistet zu haben, denn viele der anderen Zelte waren arg in Mitleidenschaft gezogen. Wir entdeckten einige weitere Exemplare unseres Zeltes und stellten zufrieden fest, dass diese noch wie eine eins im Wind standen. Keine verbogenen Gestänge und losgerissene schlabbernde Zeltteile. Den Namen Stormbreaker (so heißt unser Zelt nämlich) verdient es allemal!
Mittlerweile war es später Nachmittag und zum geplanten Aussichtspunkt würden wir es nicht mehr schaffen. Die Wege hatten "Öffnungszeiten", damit niemand im Dunkeln wandert. Der Weg zum Aussichtspunkt war nicht mehr lange geöffnet und wir würden den Rückweg nicht mehr schaffen. Also setzten wir uns ins Zelt und aßen Abendbrot. Wir hatten ordentlich eingekauft: Büchsensuppe, getrocknetes Obst, Obstpuree, Müsliriegel, Zwieback, Salami, Reiswaffeln, Kekse, Chips, Erdnüsse, Bonbons, Schokorosinen, Thunfisch... davon wollten wir uns die nächsten Tage ernähren. Im Notfall hätten wir aber auch unterwegs etwas zu essen bekommen. Viele der Campingplätze waren Teil einer großen Hütte, welche warme trockene Übernachtungsmöglichkeiten bot. Das wäre zwar sehr praktisch, da man seine Sachen trocknen kann und im Warmen schläft, aber unglaublich teuer. Und im Zelt ist es doch abenteuerlicher. Auf dem Campingplatz gab es eine Kochhütte. Ausschließlich dort war es erlaubt, mit einem Campingkocher zu kochen. Das diente als Schutz vor Waldbränden. Alle quetschten sich in die Hütte, um ein warmes Abendbrot zuzubereiten. Und was sie alles dabei hatten, sogar ganze Koffer mit einem Campingkocher drinnen. Die Scheiben der Hütten waren komplett beschlagen. Wir hatten uns scgon im Vorfeld entschieden, ohne Campingkocher loszuziehen. Viel zu viel Gewicht...
Als wir uns gegen Abend zum Duschen anstellten, fng es an zu regnen. Wir beobachteten, wie drei soeben angekommene Wanderer mit sehr geübten Griffen innerhalb kürzester Zeit zwei Zelte aufbauten, damit sie nicht nass wurden. Da es nun dunkel und kalt wurde, verkrochen wir uns in unserem Zelt. Wir wollten am nächsten Morgen zeitig los, schließlich wollten wir die Tour von heute noch nachholen und zum nächsten (kostenlosen) Camp wandern. Eine Reservierung für einen Stellplatz dort haben wir glücklicherweise noch hier bekommen, die letze^^
15.02.2016 - Um 5:45 Uhr klingelte der Wecker, es war noch dunkel. Wir zogen uns schnell an, packten das nötigste zusammen und zogen sieben Uhr kurz vor Sonnenaufgang los. Wir wollten zum Aussichtspunkt des Grey-Gletschers, wieder zurück nach Paine Grande, dort unser Zelt zusammenpacken und dann zum Camp Italiano, unser nächster Schlafplatz. Das war eine Tour von 24, 5 km, teilweise mit schwerem Gepäck. Sieben Uhr öffnete der Weg und wir waren mit die ersten, die loswanderten. Ein doppelter Regenbogen spannte sich über das Tal und die ersten Strahlen der Sonne tauchten die Natur in ein wunderschönes Licht. Oben in den Bergen lag frischer Schnee und es wehte ein kalter Wind. Wir fühlten uns matt und schlapp, das lange Reisen zehrte doch ganz schön an unseren Kräften. Dabei hatten wir den Großteil unseres Gepäcks im Camp gelassen. Der Weg führte bergauf durch einen verbrannten Wald. Die vielen aschweißen Bäume waren die Reste des verheerenden Waldbrands und trotzten wohl Wind und Wetter. Wir suchten ein schönes Plätzchen für eine Frühstückspause. Gestärkt fühlten wir uns nun etwas besser. Unser schmaler Weg führte vorbei an Seen und Bächen, wo wir bedenkenlos unser Wasser auffüllen konnten. Das Wasser hier soll eines der saubersten natürlichen Wässer sein und bereitete uns keine Probleme. Das Wetter wechselte ständg zwischen Sonne und Regen. Bald entdeckten wir in einem See die ersten blauen Eisbrocken, mussten aber noch ein ganzes Stück wandern, bis wir zum Aussichtspunkt gelangten. Der Weg führte bergauf und bergab. Der Aussichtspunkt war ein großer Felsen, von dort hatte man einen guten Blick auf den Grey-Gletscher. Der Blick war unglablich: Das zerklüftete Eis schob sich in das Tal hinunter, ein großer Felsen teilte den Gletscher in zwei Zungen auf. Auch hier leuchtete das Eis eisblau.
Wir mussten auf dem Felsen ganz schön unsere Mützen und Sonnenbrillen festhalten. Der Wind war sehr stark und die Sachen flogen einem vom Kopf. So richtig stehen konnte man auch nicht, da einen der Wind glatt umwehte und es dort ganz schön tief hinunterging. Wir wanderten noch ein Stück weiter, beschlossen dann aber, aus Zeitgründen umzudrehen. Mittlerweile waren auch sehr viel mehr Leute unterwegs. An einem See füllten wir noch einmal unsere Flaschen auf, bevor wir gegen späten Mittag wieder unser Zelt erreichten.
Wir machten eine kleine Pause, packten dann unser Zelt zusammen und zogen nun mit unserem ganzen Gepäck los in Richtung Camp Italiano, unser nächster Schlafplatz. Mittlerweile war der Wind sehr stark, es waren Orkanböen von 60-110 km/h angesagt. Das soll hier aber auch üblich sein, daher wurde uns auch schon beim Infotalk geraten, nicht die Regenschutzbezüge für die Rucksäcke auszupacken. Man hat durch den Rucksack so schon eine größere Angriffsfläche für den Wind. Stattdessen riet man uns, im Rucksack alles wasserfest in Tüten zu verpacken. Das hatten wir auch, aber trotzdem machte der Wind mit uns, was er wollte. Wenn wir uns eine Zeit lang gegen den Wind lehnten, wechselte er schlagartig seine Richtung und drückte uns in die Richtung, in die wir uns eh schon lehnten. Manchmal kam er in kräftigen Böen und wir landeten seitwärts im Busch. Alle gleichzeitig: Caro ein paar Meter vor mir und ein Stück weiter vorn ein weiterer Wanderer. Das sah lustig aus. Aber manchmal drückte er uns die kurzen Antiege hinauf. Das fanden wir sehr nett vom Wind, denn mit unserem schweren Gepäck waren auch die kleinen Anstiege eine Herausforderung.
Wir waren schon ziemlich müde und kamen nur langsam voran. Die Landschaft war unglaublich schön. Wir wanderten an einem tiefblauen See entlang, auf dem der Wind Wasserschwaden auf der Oberfäche tanzen ließ und wir sahen überall kleine Regenbögen. Der Weg führte wieder durch einen verbrannten Wald, dieser war größer als der vorherige und irgendwie gleichzeitig faszinierend und beklemmend. In den Bergen oben waren kleine Gletscher oder Schneereste, aus denen Wasser die Berge hinablief und Bäche bildeten, in denen wir unsere Wasserflaschen abfüllten. Während des ganzen Weges hatten wir freie Sicht auf die Torres del Paine, welche in wunderschönen Farben vor uns lagen. Das war der Hauptgrund, warum wir den Weg in diese Richtung liefen.
Wir brauchten deutlich länger als die vier in der Karte angegebenen Stunden. Gegen späten Nachmittag fing es dann richtig an zu regnen und wir wurden patschnass. Wir stiefelten durch einen Bach, der sein Flussbett verlassen hatte und nun knöchelhoch den Weg entlanglief. Ein Ehepaar hatte deswegen auch arge Diskussionen, wo denn nun eigentlich der Weg weiter gehen sollte, der Bach da wird es ja nicht sein. Aber da dann zwei Mädels barfuß, mit ihren Schuhen in der Hand aus dem Bach herausgewatet kamen, war die Diskussion beendet. Irgendwann erreichten wir das Camp. Unsere Rucksäcke lagerten wir erstmal in der überfüllten Kochhütte. Dort quetschten sich gerade wieder alle Camper hinein und versuchten zusammengequetscht, sich ein warmes Abendbrot zuzubereiten.
Wir suchten erst einmal einen Zeltplatz. Das Camp lag in einem Wald und auf dem Boden hatten sich überall kleine Bäche gebildet. Wir fanden bald eine freie Stelle und holten unser Zelt. Das Aufbauen hier war gar nicht so einfach, es tropfte ins Innenzelt und einige der Heringe waren mittlerweile verbogen, da der Boden sehr steinig war. Irgendwie stand es dann doch. Unsere Zeltnachbarn oberhalb bauten gerade Drainagen um ihr Zelt und wir stellten entgeistert fest, dass ihr Abfluss direkt unter unser Zelt führte. Wir suchten also Stöcker und fingen an, Gräben in den harten Waldboden zu ziehen und kleine Dämme aus Steinen und Ästen zu bauen. Ein Spielplatz für Hydrologen. Es wirkte und unser Zeltboden stand nicht mehr in einem See. Wir holten unsere Rucksäcke und verzogen uns in unser Zelt. Als wir klatschnass mit unseren sehr nassen Rucksäcken ins Zelt krabbelten, war nun alles nass. Na prima. Unsere Laune sank langsam nach unten, wir begannen zu frieren und es hörte nicht auf zu regnen. Wir entdeckten ein Loch in unserem Innenzelt...super. Wo das herkam, wussten wir nicht. Es sah aus, wie durchgeknabbert, aber das Loch war doch etwas weiter oben. Später stellten wir aber fest, dass auch Caros Stoffbeutel ein recht ähnlich aussehendes Loch hatte und die Reiswaffeln darin angeknabbert waren. Da hat sich wohl was durch unser Zelt geknabbert. Eine Maus war es nicht, wohl eher eine Ratte oder die hier in Südamerika verbreiteten Pericotes (sehr rattenähnlich, nur größer). Caro spannte Riemen zu einer Wäscheleine, damit wir unsere Sachen trocknen konnten. Aber bei der feuchten Luft wohl vergebens. Eigentlich hatten wir gar keine Lust mehr, aus dem Zelt zu gehen, aber wir mussten uns noch bei den Rangern anmelden. Die wohnten in einer kleinen warmen Hütte mit einem Ofen und aßen gerade Abendbrot. Ich war lange nicht mehr so unglaublich neidisch und wir blieben etwas länger in der Hütte als nötig, um uns aufzuwärmen. Wir verspürten überhaupt keine Lust, nach draußen zurück zu unserem nassen kalten Zelt zu gehen. Aber das mussten wir letztendlich.
Wir wussten, dass unsere Sachen bis zum nächsten Morgen nicht trocknen würden. Wir wussten auch beide, dass unsere Wanderlust schlagartig verflogen war. Und wir wussten, dass der für morgen geplante Weg aufgrund des Windes gesperrt war. Im Zelt diskutierten und überlegten wir eine Weile, welche Möglichkeiten wir nun hatten. Aber wir waren uns beide relativ schnell einig, dass es für uns am sinnvollsten wäre, umzukehren. So abgehärtet waren wir nicht und hatten beide keine große Motivation mehr, weiterzuwandern. Wir würden am nächsten Morgen also versuchen, den Katamaran zu bekommen, zurück nach Puerto Natales fahren und hoffen, dass Gloria irgendwo ein Plätzchen für uns auf dem Boden findet. Die Nacht mussten wir aber noch im Zelt verbringen und ich habe mir lange nicht mehr so sehnlich ein warmes gemütliches Bett gewünscht. Wir plünderten unsere Vorräte, damit wir am nächsten Tag nicht so viel schleppen mussten (wir hatten ja Essen für vier Tage dabei) und versuchten dann, mit nicht zu negativen Gedanken einzuschlafen.
16.02.2016 - Sechs Uhr krochen wir aus unseren warmen Schlafsäcken und krabbelten in unsere nassen kalten Sachen. Das war eklig und verbesserte unsere Laune nicht sehr. Es war eisig draußen. Unser Zelt war nass und saudreckig, aber immerhin stand kein Wasser mehr unter dem Zelt. Unsere Drainagen haben also gehalten. Wir stopften alles zusammen und wanderten los, den Weg von gestern wieder zurück. Der Weg ins Valle Francés war immer noch gesperrt. Wir staunten aber nicht schlecht. Es schneite ein bisschen... dann sahen wir auch, dass die Berge alle schneeweiß waren. Es muss die Nacht ordentlich kalt gewesen sein. Wir liefen flotten Schrittes los, um uns aufzuwärmen. Es war noch nicht sehr windig und wir kamen sehr viel besser voran als gestern. Mittags fuhr ein Katamaran. Wir vermuteten, dass wieder mehr Menschen anstehen würden und der Katamaran zweimal fahren werden muss. Wir mussten unbedingt mit auf das erste Boot, denn sonst würden wir die Busse, die Mittags fuhren, nicht mehr erreichen. Die nächsten Busse würden erst abends fahren und dann wären wir erst gegen zehn Uhr in Puerto Natales. So spät wollten wir nicht unangekündigt bei Gloria auftauchen und ihre Gastfreundschaft ausnutzen. Der Gedanke an eine weitere kalte Nacht in dem nassen und mittlerweile auch sehr dreckigen Zelt ließ uns fast rennen.
Diesmal schafften wir den Weg in zwei Stunden und waren daher mehr als doppelt so schnell wie gestern. Zum einen waren wir ausgeruht (mehr oder weniger), zum anderen schubste uns der Wind nicht mehr umher. Daher waren wir sehr zeitig wieder in Paine Grande. Dort gönnten wir uns etwas warmes zu Trinken und warteten dann mit den anderen ankommenden Wanderern auf den Katamaran. Schon eine Stunde vor Abfahrt stürmten plötzlich alle auf den Steg, wir rannten mit, um möglichst weit vorn zu stehen. Das fanden wir sehr unnötig, denn nun standen wir im kalten Wind und froren. Aber die Schlange war wieder sehr lang und wir hofften, noch mit auf das erste Boot zu kommen.
Wir waren eine der letzten, die mit auf das Boot kamen, kurz hinter uns wurde zu gemacht. Die anderen wartenden Menschen würden nun nicht mehr die Busse zurück nach Puerto Natales bekommen. Das war alles nicht sehr gut abgestimmt. Wir trafen eine deutsche Reisegruppe, auch sie hatten die Wanderung wegen dem Wetter abgebrochen. Als wir an der Bushaltestelle ankamen, suchte ich die Tickets. Wir hatten beim Ticketkauf gleich die Rückfahrtickets mitgekauft, diese waren einige Tage gültig, sodass wir quasi jeden Bus zurück nach Puerto Natales nehmen konnten. Aus irgendeinem Grund habe ich während unserer gesamten Reise immer die Bustickets von uns beiden eingesteckt. Ich steckte sie eigentlich auch immer an die gleiche Stelle. Aber da waren sie nicht. Ich suchte andere mögliche Stellen ab. Kein Ticket. Caro meinte dann, der Bus rolle gerade los. Unser Bus. Ich öffnete meinen Rucksack und begann ihn zu durchwühlen. Caro erzählte mir nun, dass der Bus gerade rückwärts aus der Parklücke fährt. Ich suchte noch einmal meine Taschen durch. Die Tickets waren unauffindbar. Wir blickten beide unserem Bus hinterher, wie er davonfuhr. Ohne uns.
Das konnte doch nicht wahr sein! Warum hat uns unser Glück hier in Patagonien verlassen? Ich schaute Caro an und fragte sie resigniert, ob sie nicht ganz zufällig die Tickets eingesteckt hat. Caro suchte ein bisschen und fand dann die Tickets in ihrer Kameratasche. Das war ganz schön abstrus, denn die Tickets habe ich ja immer ingesteckt. Warum Caro sie auf einmal hatte, konnten wir uns nicht erklären. Wir brauchten schnell einen Plan B. Die Busse würden in 45 Minuten am Parkeingang abfahren, viel Zeit war nicht. Wir fragten alle Fahrer auf dem Parkplatz ob sie zufällig zum Parkeingang fuhren. Aber leider fuhren sie entweder in die andere Richtung oder waren voll. Wir fragten in der Cafeteria, ob es eine andere Möglichkeit gibt, zum Parkeingang zu gelangen. Dort riet man uns, zur nächsten Kreuzung zu laufen, dort hätten wir größere Chancen, eine Mitfahrgelegenheit zum Parkeingang zu finden.
Wir rannten fast dort hin, unsere Rucksäcke waren plötzlich ganz leicht. An der Kreuzung kam auch recht bald ein Auto und wir hielten den Daumen raus. Leider war es schon voll. Kurz später kam das nächste, es hätte sogar Platz gehabt, aber es hielt nicht. Dann kam wieder ein Bus, welcher aber nicht direkt zum Parkeingang fuhr und während wir noch quatschten, kam ein Pickup angefahren und ich sprang hinter den Bus und streckte den Daumen raus. Und jaaa, sie hielten, wir packten unsere Rucksäcke auf die Ladefläche und stiegen ein. Wir bedankten uns erleichtert und fragten, wie lange man zum Parkeingang bräuchte. Sie meinten, ca. 40 Minuten. Ohje, das wird eng. Wir würden halb drei ankommen und halb drei fuhren die Busse ab. Aber unsere Fahrer fuhren recht flott, soweit das der Schotterweg zuließ. Sie waren sehr schweigsam und jeder Versuch, ein Gespräch zu beginnen, scheiterte. Eine kurze Pause legten wir aber doch ein und ließ uns für einen Moment den ganzen Stress vergessen. Über einem See kreisten Kondore. Und nicht nur ein paar, wir zählten grob 20 Vögel und auf dem Boden saßen bestimmt doppelt so viele. Und sie waren ganz nah. Wir sahen ihre roten Köpfe, ihre gefingerten Flügel, die schwarz-weiße Musterung. Es war genial. Was standen wir in Peru herum und warteten stundenlang, um ein oder zwei Kondore zu sehen. Und hier bot sich uns so ein Naturschauspiel. Aber wir waren dann ganz froh, als wir weiterfuhren. Ein Stück weiter sahen wir einen umgekippten Bus. Es war zwar niemand mehr im Bus, aber so lange konnte der Unfall noch nicht her sein, vor zwei Tagen haben wir ihn noch nicht dort liegen gesehen. Oh man.... in Südamerika schnallt sich doch niemand an... die Leute müssen durch den Bus auf eine Seite geflogen sein.
Punkt halb drei erreichten wir den Parkeingang und sahen erleichtert, dass erstens die Busse noch da standen und zweitens deren Gepäckklappe noch geöffnet war. Erleichtert bedankten wir uns bei unseren Fahrern und brachten unsere Rucksäcke zu unserem Busfahrer und ließen uns dann in unseren Bussitz plumpsen. Wir waren unendlich froh und konnten es kaum glauben, nun im Bus zu sitzen. Noch eine Nacht im Nationalpark wäre zu dem Zeitpunkt grauenhaft gewesen. Auf der Fahrt nach Puerto Natales wurde unser Bus von der Polizei angehalten, ein Polizist stieg ein und erzählte uns von dem Unfall im Nationalpark. Er bat uns, uns bitte anzuschnallen. Die meisten Passagiere in dem verunglückten Bus waren natürlich nicht angeschnallt. Caro und ich schauten uns an und stellten fest, dass wir wieder mal die einzigen waren, die angeschnallt waren.
Zurück in Puerto Natales wurden wir von einer überraschten Gloria empfangen. Auch sie erzählte uns sofort aufgeregt von dem Busunglück und wir fragten sie ein bisschen aus. Es gab wohl keine Toten, aber Verletzte. Einen Platz im Hostel hatte sie auch für uns, obwohl sie natürlich wieder übervoll war. Wir bekamen einen Platz auf einer Matratzenliegewiese im Esszimmer, zusammen mit den vier Chileninnen aus Santiago, die vorher im Garten gezeltet haben. Wir durften unsere dreckigen nassen Sachen bei Gloria in die Waschmaschine stopfen, heiß duschen und unser dreckiges Zelt draußen im Garten mit dem Gartenschlauch sauber spritzen. Dabei hatten wir beide gut Spaß... Der Hauspapa zeigte uns Musikvideos aus den Achtzigern und Neunzigern und war überrascht, dass wir die Lieder kannten und sogar mitsingen konnten. Er suchte immer weiter, in der Hoffnung, dass er eins findet, das wir nicht kennen. Sogar Modern Talking kannten wir, dass überraschte ihn schon. Und dann schaute er sich freudestrahlend eine räkelnde Madonna in La Isla Bonita an und wir verdrückten uns. Die Chileninnen kochten für die bunte Truppe Fischbouletten. Es war sehr lecker. Am Tisch trafen wir wieder die Fahrradfamile aus Italien und ein paar andere bekannte Gesichter. Wir lernten Leo aus München kennen und einen Spanier, der sehr gut Deutsch sprach. Beide haben die letzte Nacht im Schnee verbracht...brrr. Nach dem Essen räumte uns Gloria drei große Matratzen ins Zimmer, auf denen wir schlafen konnten.
17.02.2016 - Die drei Chileninnen standen zeitig auf, sie wollten heute weiterreisen. Das war schade, denn wir mochten alle vier sehr. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder, Santiago de Chile ist ja quasi um die Ecke von Mendoza. Wir mussten auch bald unseren Schlafplatz räumen, denn der Frühstückstisch wurde gedeckt. Am Vormittag bummelten wir ein wenig durch Puerto Natales zum Hafen. Die Berge waren immer noch weiß und das Wetter so wechselhaft wie immer. Am Nachmittag durften wir in ein Zimmer umziehen und diesmal bekamen wir beide ein Bett. Natürlich war das Hostel wieder überfüllt und wir boten auch an, wieder auf dem Boden oder zu zweit in einem Bett zu schlafen, aber Gloria ließ das absolut nicht zu. Wenigstens eine Nacht sollten wir beide vernünftig in ihrem Hostel untergebracht sein. Ohne wenn und aber. Also gaben wir auf und machten es uns in unserem Zimmer gemütlich. Zum Abendbrot wurde eine Muschelsuppe vorbereitet und als wir die getrockneten Muscheln im Wasser quellen sahen, verdrückten wir uns in unser Zimmer, mit der Ausrede keinen Hunger zu haben und müde zu sein. Der Haushund Pecho schaute kurz bei uns vorbei und legte sich alle Viere von sich gestreckt zwischen Caros Beine. Als hätte man ihn abgeschalten, rührte er sich keinen Zentimeter. Als er aber hörte, dass sein Frauchen ins Bett ging, wollte er wieder herausgelassen werden. Später kam unser Mitbewohner dazu und hatte das Problem, dass er über mir im Etagenbett schlief und es keine Leiter gab. Einziger Zugang war über Caros Bett hochzuspringen. Dafür brauchte er mehrere Anläufe und als er dann in seinem Bett war, befürchtete ich, dass das labile Bettgestell zusammenfällt. Aber alles blieb heil und wir wachten zeitig am nächsten Morgen sechs Uhr auf, um weiter nach El Chaltén zu reisen.
Auch wenn wir ganz schön Pech bei diesem Ausflug hatten, haben wir doch tolle Erinnerungen. Patagonien ist schließlich berüchtigt für seine Unberechenbarkeit, das können wir auf jeden Fall bestätigen. Die Landschaft war eine der schönsten unserer ganzen Reise und wir erfuhren auch von Mitbewohnern im Hostel, dass wir den schösten Streckenabschnitt gewandert sind: der Weg von Paine Grande zum Camp Italiano. Wir wollten ja Abenteuer und haben mal wieder eins bekommen, mit vielen schönen lustigen Erinnerungen. Ein gemütliches warmes Bett können wir nun auf jeden Fall sehr viel mehr wertschätzen als vorher ;)
Abenteuerliche Grüße,
Lisa
Die Torres del PaineEin KondorUnser Gepäckstapel auf dem KatamaranUnser schönster CampingplatzUnsere tägliche VitamindosisUnser Tor zur ersten EtappeSauberes Trinkwasser gab es genugBlick auf einen GletscherseeDie ersten Vorboten des GletschersDer Gletscher "Grey"VollbepacktEin eisblauer GletscherseeBlick auf die Torres del PaineVerbrannter WaldSchnee und Gletscher in den BergenUpsEndlich am CampZurück im Hostel